Der Querkopf

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Tiroler Tageszeitung Magazin
1./2. Dezember 2001 von Peter Plaikner
Alois Schöpf hat viele Freunde und zahlreiche Feinde.
Seine Texte sind kaum jemanden gleichgültig.
Das ist die größte Stärke des streitbaren Schriftstellers.

So umstritten seine wöchentlich 2000 Buchstaben auch sind, so unbestritten ist die Breitenwirkung des Apropos in der Tiroler Tageszeitung. Er eckt an, provoziert, fordert Widerspruch heraus. Es gefällt, bestätigt, erntet begeisterte Zustimmung.
Alois Schöpf setzt sich aus. Er schreibt mit Lust gegen den Meinungsmahlstrom. Der mainstream der opinion leader ist ihm geradezu verhasst.
Der Lois aus Lans pflegt die kategorische Antithese zum medial vermittelten common sense. Wortmächtig grätscht er in die Kluft zwischen Intellektuellen und Stammtisch. Eine unbequeme Position - für andere. Der 51 -Jährige fühlt sich erst zwischen allen Stühlen richtig wohl. Diese Geistesgymnastik auszuhalten, ist sein Erfolgsgeheimnis.
Der Schöpf muss Einzel muss Einzelgänger sein. Eine Clique wäre , ihm wie Verrat an seiner Individualität. Dennoch schart er Menschen um sich und suhlt sich im Massenkontakt. Die überschaubare Saggener Kapelle und die 345.000 Wochenendleser der TT - der staatlich geprüfte Blasorchesterleiter und autodidaktisch gereifte Autor sucht und findet in ihnen seine Anerkennung.

Prinzip Widerspruch
Widerspruch ist nicht nur der bewährte Reflex des begeisterten Diskutanten, sondern beschreibt auch seine Person. Das Dorfleben hat ihn geformt, doch er leitet eine Stadtmusik. Starke Frauen haben ihn geprägt, aber er ging in eine Männerschule.
Der Vater starb 1952. Mutter, Tante und die Lehrer der Stella Matutina in Feldkirch wurden bestimmend für den Wirtssohn vom Wilden Mann. Er bekennt eine "große emotionale Sehnsucht nach der heilen Welt" und ist überzeugt: "Es kann sie geben. Auch ohne Lüge." In der Erinnerung entspricht diesem Ideal seine Kindheit und Jugend zwischen Blasmusik und Glenn Miller.
Begleitet von unendlichen Erörterungen mit den jesuitischen Pädagogen im Ländle.
Alois Schöpf gilt manchem als Großmaul, mag aber selbst die Kleinheit. Sieben Jahre hat er in Wien gelebt. "Dort gibt es für mich keine Lebensqualität." Er liebt das Dorf, "jene soziologische Menge, wo jeder noch jeden kennen kann."
Und dass ganz Tirol ein Dorf sein könnte, bestreitet er nicht. "Österreich ist, wenn eine Blasmusik die deutsche Messe von Schubert spielt." Fürs Heimatland fehlt ihm noch die ähnlich griffige Definition.

Grundsatz Normalität
Drei Jahrzehnte schon bringt er sein Hadern mit dem Hoamatl zu Papier. In Schemata lässt sich sein verschrobener Hang zur Scholle kaum pressen. Abscheu und Hingezogenheit zu den Mitbewohnern dieses Landstrichs halten sich bei ihm die Waage. "Der Tiroler ist ja ein Verfechter der Gegenaufklärung", wirft ihnen der überzeugte Anhänger der Naturwissenschaften vor.
"Thesen, die objektiv nicht zu halten sind", stören den Schöpf. Und dementsprechend hält er`s mit der Religion.
Dennoch residiert der leidenschaftliche Querkopf ausgerechnet im Innsbrucker Canisianum als Privatgelehrter. Er arbeitet als selbsternannter Vorstand eines Instituts für experimentelle Metaphysik und Blasmusikforschung. So wird Ich denke, also bin ich zur alltäglichen Nutzanwendung.
Der Gebrauchsphilosoph ist begreifbar und darum angreifbar.
Das Apropos mit dem unbarmherzigen Wochenzähler gilt als kleinster Nenner Schöpfscher Intellektualität - dem unentwegten Grübeln über Normalität. Diese bodenständige Grundhaltung wird auch durch Romane und Sachbücher, Theaterstücke und TV-Reportagen dokumentiert. Einige Preise gab es dafür. Doch wenn nun der Kolumnist das Büro verlässt, erinnert ihn der Blick auf den ORF an eine Zäsur. Mit 38 verlor er dort seine Wochenglosse. Da hatte er es satt, das allzu freie Denkertum: "Aus. Ich will ein bürgerliches Leben."
Einst als Linker verkannt, genießt er heute Standardattribute konservativer Lebensart. Er hat sogar ein Haus gebaut - für sich, seine Frau Inge, mit der er schon ein Vierteljahrhundert zusammen lebt, und Sohn Georg (20). Das bietet etwas Sicherheit für einen, der glaubt: "Wenn man älter wird, kommt man mit sich nicht besser zurande. Ich kann immer weniger sagen, wer ich bin."

Sehnsucht Politik
Solch Einschätzungen überlässt er seinen Lesern, für die er soeben die 185 besten Kolumnen in Buchform gesammelt hat (Apropos, Edition Tirol, 424 S., öS 222/ € 16,13).
"Ein guter Text kann ohne Autor bestehen", glaubt Alois Schöpf. Ob er das auch will, bleibt offen. Doch "in die Politik zu gehen, das würde mich reizen", bekennt er "ein wahrlich unkeusches Begehren". Er ist lieber tüchtig als züchtig.